Aharon (Erwin) Appelfeld
16. Februar 1932, Žadova (Nordbukowina), lebt in Mevasseret Zion (bei Jerusalem)
israelischer Schriftsteller. Stammt aus einer assimilierten jüdischen Familie. Seine behütete Kindheit endete über Nacht, als das achtjährige Kind 1941 die Ermordung seiner Mutter von den Nazis miterleben musste. Mit seinem Vater kam er zuerst in das jüdische Ghetto von Czernowitz, später in ein transnistrisches Arbeitslager in der Nähe von Moghilev-Podolsk, wo beide bereits nach einigen Tagen gewaltsam getrennt wurden. Dem Jungen gelang eine Flucht, und drei Jahre lebte er versteckt in den ukrainischen Wäldern und führte ein Vagabundenleben, zeitweise als Küchenjunge der Roten Armee oder Botengänger in einem kriminellen Milieu, dem er seine jüdische Herkunft verheimlichte. Am Ende des Krieges verschlug es ihn über Jugoslawien nach Italien und von dort 1946 wanderte er mit einem Schiff nach Palästina aus.
Die Integrierung in die israelitische Gesellschaft war für den Vierzehnjährigen nicht einfach, vor allem aus sprachlichen Gründen, da er seine beiden Haussprachen Deutsch und Jiddisch aufgeben und sich das Hebräische aneignen musste, das er zuerst in einem Kibbutz und dann in harter, unermüdlicher Arbeit an den Werken hebräischer Autoren glänzend beherrschte. Nachdem der Dichter sein Militärdienst geleistet hatte, begann er 1951 das Studium der jüdischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem, das er 1959 erfolgreich abschloss. Danach unterrichtete er an verschiedenen Hochschulen und wirkte als freier Schriftsteller. Seit 1975 ist er Professor für hebräische Literatur an der Ben-Gurion Universität in Negev/Be’er Sheva.
Appelfelds erste Schreibversuche, die er als Lyriker machte, fallen in die frühen 50er Jahre. Doch bald versteht er, dass seine eigentliche Domäne Prosa ist. Die erste Sammlung seiner Erzählungen trägt den Titel Rauch (1962) – ein Begriff, der sowohl für die jüdische Geschichte als auch für sein persönliches Lebenstrauma symbolisch ist. Lange Zeit wagte er sich nicht dieser schmerzlichen Erfahrung anzunähern. Durch den religiösen Philosophen Gershom Scholem ermuntert, wandte er sich seit den 60er Jahren dem autobiographischen Stoff zu. Es folgten weitere Erzählbände („Im fruchtbaren Tal“, 1964, „Reif auf der Erde“, 1965), essayistische Sammlungen und Romane („Die Haut und das Hemd“, 1971, „Zeit der Wunder“, 1978, „Badenheim-1939“, 1980, „Tzili“, 1983, „Der unsterbliche Bartfuß“, 1988, „Für alle Sünden“, 1989, „Der eiserne Pfad“, 1992, „Die Eismine“, 1997, „Alles was ich liebte“, 1999, „Geschichte eines Lebens“, 1999 u.a.)
Hauptthema von Appelfelds Prosawerken ist die Vernichtung des europäischen Judentums im Zweiten Weltkrieg, die er durch das Prisma persönlicher Erlebnisse schildert. Die Handlung mehrerer Romane spielt in seiner Heimat Bukowina. Der Schriftsteller hat einen höchst einprägsamen Stil entwickelt, der sich durch kurze, knappe Sätze und eine hellsichtige, gefühlsgesättigte, dabei aber nie aufdringliche Sprache charakterisiert. Obwohl er hebräisch schreibt und diese Sprache virtuos beherrscht, ist er in erster Linie ein jüdischer Autor, der eine Synthese der Traditionen jiddischer und hebräischer Kultur anstrebt. In seinen Werken behandelt er nicht die moderne israelische Wirklichkeit, sondern tragische Ereignisse des Zweiten Weltkrieges, welche im Holocaust mündeten. Die Helden Appelfelds sind leidende, physisch oder psychisch angegriffene, entwurzelte Juden, welche in ihrem früheren Leben ihr Judentum völlig ignorierten und erst nach der Einwanderung in das „Gelobte Land“ ihre nationale und kulturelle Identität qualvoll suchen.
„Das Faszinierende bei Appelfeld ist, dass seine Protagonisten eine komplexe Lebenslage verkörpern, die weder durch ein israelisches noch ein zeitgenössisch europäisches Prisma betrachtet wird. Die „Jüdischkeit“ verdichtet sich hier zu einem Sentiment, das mit einer fundamentalen Unzugehörigkeit verbunden ist, einer Fremdheit, die auf tiefer Verwaistheit beruht, und einer zutiefst pessimistischen Geisteshaltung, was Aussicht auf jedwede Erlösung persönlicher oder nationaler Dimension betrifft“ (Batya Gur)
In Appelfeld steht heute einer der letzten Überlebenden der Shoah, der neben dem Nobelpreisträger Samuel Joseph Agnon ein erschütterndes Klagelied der untergegangenen Welt des osteuropäischen Judentums psalmodieren konnte. Seine Werke sind in viele Sprachen übersetzt (fast ein Dutzend Romane liegen bisher auf deutsch vor). Der Schriftsteller wurde von zahlreichen israelischen und internationalen Preisen ausgezeichnet (u.a. Nelly Sachs-Preis der Stadt Dortmund) und gehört heute zu den bekanntesten und meistgelesenen israelischen Autoren, dessen Name in der Reihe solcher Schriftsteller, wie Alexandar Tišma, Primo Levi und Imre Kertész genannt wird.
Dr. habil. Petro Rychlo