Bukowina Zentrum en ua de ro
 
  Home > Bukowina > Literaturstadt Czernowitz

Wahrzeichen der Stadt: Theater mit Schillerdenkmal

Ernst Rudolf Neubauer

Ludwig Adolf Simiginowicz-Staufe

Osyp-Jurij Fedkowicz

Isidor Worobkiewicz

Johann Georg Obrist

Karl Emil Franzos

Mihai Eminescu

Olga Kobylanska

Osyp Makowej

Elieser Steinbarg

Mosche Altman

Dmytro Zahul

Alfred Margul-Sperber

Georg Drozdowski

Rose Ausländer

Itzig Manger

Moses Rosenkranz

Klara Blum

Alfred Kittner

Josef Burg

Gregor von Rezzori

Immanuel Weißglas

Alfred Gong

Paul Celan

Manfred Winkler

Selma Meerbaum-Eisinger

Aharon Appelfeld

Multikultureller Topos Bukowina

von Dr. Petro Rychlo

Politische und ethnographische Grenzen des modernen Europas stimmen in den meisten Fällen nicht überein. Es gibt darin Regionen mit mehreren Volksgruppen, die nach ihrem geschichtlichen und kulturellen Code ein viel reicheres Bild aufzeigen als der Rahmen jeweiliger politischer Struktur darzubieten hat. Infolgedessen entsteht auf diesen Territorien ein spezifisches mentales und geistiges Amalgam, das die Elemente mehrerer nationaler Kulturen in sich einschließt. In der Regel sind es Grenzgebiete oder multinationale Länder mit gemischter Bevölkerung, welche im Laufe längerer historischer Perioden zusammenlebte und ihre künstlerischen Talente in einem gewissem Wettstreit mit ihren Nachbarn weiterentwickelte. Dabei weisen diese polyethnischen Areale eine besonders intensive Produktivität des schöpferischen Lebens auf. Zu solchen Regionen gehört auch die kleine Bukowina mit ihrer Hauptstadt Czernowitz

„Die Bukowina ist – ich spreche dieses Wort wohlerwogen aus – vielleicht in culturhistorischer Beziehung das interessanteste Land in Europa“, – schrieb Ende des 19. Jahrhunderts einer ihrer „adoptierter Söhne“ Karl Emil Franzos*. Die günstige Lage an der Kreuzung der Handelswege, zahlreiche Naturschätze und das gemäßigte Klima machten die Bukowina im Laufe vieler Jahrhunderte zum Anziehungsobjekt naher und ferner Nachbarn, die, in ihrem Streben sie zu beherrschen, oftmals diesen Landstrich in grausamen, blutigen Kämpfen eroberten. Denn welches Land erlebte noch im Laufe der letzten paar Jahrhunderte so viele soziale Metamorphosen und politische Mutationen, wie die Bukowina, welche sich von der altslawischen Staatlichkeit über ungarische und polnische Oberhand, die Macht der moldauischen Gospodare, das osmanische Joch, die Habsburger Monarchie, das königliche Rumänien, das sowjetische Regime bis zum ukrainischen Gebiet hin entwickelte, abgesehen von den zahlreichen russischen Invasionen während des Ersten und der deutschen Okkupation während des Zweiten Weltkrieges?

Natürlich rief solch eine stürmische Dynamik des gesellschaftlichen Aufrührens aktive Migrationsprozesse hervor, infolge derer bereits in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts die Bukowina zum „multinationalsten unter aller österreichischen Ländern wurde und nach diesem Index (9 Nationen) den ersten Platz einnahm“*. „Schmelztiegel der Völker“, „Oase friedlichen Zusammenlebens“, „polyethnisches Biotop“, „phantastische Mischung von Ethnien, Religionen und Sprachen“, „die Schweiz des Ostens“, „ein Modell des vereinigten Europas“ – das sind nur einige der Charakteristiken der Bukowina, die man in den Publikationen der letzten Zeit treffen kann.

Man kann natürlich diese bildhafte Formulierungen für einen „mythischen Stereotypenknäuel“* halten, doch existieren auch Zeugnisse anderer Art, die nicht minderes Vertrauen verdienen. In diesem Zusammenhang seien die Erinnerungen Georg Drozdowskis hier angeführt, der ein kleines Stück Bukowina – sein Familiennest Kalinestie (Südbukowina) beschreibt, wo er als Kind gewöhnlich seine Sommerferien verbrachte und dessen Bewohner und Zugehörige „buchstäblich die Nationen vertraten“ und die Bukowina in verkleinerter Form bildeten: der Förster Gaschler war ein Deutscher, die Heger Petro und Vasile hätte man bei den Ruthenen wie bei den Rumänen einordnen können, da beide zweisprachig waren, den Gärtner Haralampi durfte man zweifelsohne als Ruthenen ansprechen, der Pächter Srulko verstand es als Jude die zum Gutsbesitz gehörenden Felder und Äcker tadellos zu verwalten, der Pfarrer Laszlo, der zweimal im Jahr auf dem Gut die Messe las, gehörte den Magyaren zu, die Tante Jozia war eine Polin, der Tischler Waclaw Pilny stellte eine Variante des Haus-Tschechen dar und Jefrem Athanasow, der von Jahr zu Jahr die Obsternte in Pacht nahm, vertrat die russischen Altgläubigen, die sogenannten Lipowaner*. Ähnliche multinationale Konglomerate bildeten in der Bukowina eher die Regel als eine Ausnahme. Dabei überwogen die Integrationstendenzen über den Bestrebungen nationaler Abruptheit, und häufige Änderungen politischer Regime, die sich zeitlich manchmal in den Rahmen eines Menschenalters hineinschreiben ließen, formten bei den Bukowinern ein etwas skeptisches Verhältnis zu einer rein nationalen Idee, indem sie diese durch eine übernationale Vorstellung von einem kosmopolitischen „Bukowinertum“ ersetzten, welche ihnen vielmehr natürlicher schien als jegliche ethnische Differenzierung. „Damals [bestand] noch so etwas wie eine „Bukowiner Kulturnation“, bei der völkische Unterschiede keinen Gegensatz, sondern eine natürliche, bereichernde Vielfalt darstellten“*, konstatiert der Bukowiner Historiker Emanuel Turczynski.

Ganz natürlich entsteht in solch einer ethnischen Buntheit eine multinationale und polyvektorielle Kultur. Besonders charakteristisch ist sie im architektonischen Bild der Stadt Czernowitz, in der Eklektik seiner Bauten, wo sich verschiedenste Baustile verflochten haben. Nehmen wir beispielweise die Czernowitzer Kirchen, von denen jede ihr einmaliges Gesicht hat. Die älteste architektonische Sehenswürdigkeit der Stadt, die 1607 gebaute Nikolaus-Kirche gibt die Formen des für die Bukowina typischen „Stuben-Stils“ wieder. In der römisch-katholischen Kathedrale dominieren klassizistische Konturen. Die griechisch-orthodoxe Kathedrale wurde im Stil der Renaissance errichtet. Die katholische Jesuitenkirche beeindruckt durch ihre Pfeilergotik. Die armenische Kirche verbindet romanische und gotische Elemente, die den nationalen armenischen Formen unterliegen. Der jüdische Tempel wurde im maurisch-orientalischen Stil erbaut... Doch ähnliche Stilmannigfaltigkeit einzelner Bauten kann man in vielen Städten sehen. Viel seltener trifft man ihre konzeptuelle Verbindung in einer architektonischen Grundidee, wie sie im Ensemble der Residenz der Bukowiner Metropoliten verkörpert ist, die in den Jahren 1864-1882 nach dem Projekt des tschechischen Architekten Josef Hlavka, des späteren ersten Präsidenten der Tschechischen Nationalen Kunstakademie, errichtet worden war. Hier dominiert der „synthetische Stil einer retrospektiven Eklektik“*, in dem sich organisch romanische, byzantinische, maurische und gotische Elemente mit den Traditionen der Bukowiner Volksarchitektur verquickt hatten, die in sich die „Muster der ukrainischen Stickerei, der Bukowiner Teppiche und der huzulischen Ostereier“* aufgenommen haben. Dies veranlasste K.E.Franzos an anderer Stelle etwas skeptisch von Czernowitz als von einem „Huzulendorf mit pseudo-byzantinischen, pseudo-gotischen und pseudo-maurischen Bauten“* zu sprechen.

Jede Epoche und jede Macht strebten danach, ihre Zeichen und Symbole in die Steintafeln dieser Stadt hineinzuhauen, und so ist sie heute einem Palimpsestbuch ähnlich. An den unerwartetesten Orten – an den bemoosten Mauern, an den verrosteten Haustoren, auf den Kanalisationsdeckeln – treten auf einmal fremde und unverständliche Inschriften – Menetekel der vergangenen Epoche auf, indem sie mit stummen Schreien die Nachgeborenen beschwören. Diese Palimpsest-Stadt verbirgt in sich noch viele unentzifferte Kulturchiffren verschiedener Völker, die gleich verblasster Farbe oder abgebröckeltem Mörtel der Hausfassaden aufeinander geschichtet sind.

Die Heterogenität der Bukowiner Kultur, die in der letzten Zeit von immer mehr Forschern hervorgehoben wird, hätte vielleicht nicht so viel Aufmerksamkeit allerorten aufgeweckt, würde sie sich nicht gleichzeitig durch eine Integrationsidee charakterisieren, durch einen ständigen Hang zu gegenseitiger Berührung, immerwährendem Verkehr, gegenseitiger Anleihe usw. Das Prinzip der nationalen Interessen-Entgrenzung, das sich 1910 im sogenannten „Bukowiner Ausgleich“ manifestierte, war von den nationalen Gruppen und Gemeinden der Bukowina „aufgepflegt“ und stellte die Form eines bewussten nationalen Kompromisses dar. Implizit schloss er in sich auch den nationalen Selbsterhaltungsinstinkt und objektiv befand er sich im Gegensatz zum Geist der Assimilation. Nach dem „Bukowiner Ausgleich“ begann im Land nationales Leben zu wallen – mit nationalen Häusern wie dem deutschen, ukrainischen, jüdischen, rumänischen und polnischen, – mit national orientiertem Schulwesen, vielsprachiger Presse, literarischem und theatralischem Leben. Solch eine integrative Kulturentwicklung in der Bukowina war erst unter der Bedingung der Hegemonie der deutschen Sprache möglich, die im Lande die Funktion der „lingua franca“ spielte. Die Integrationskraft der deutschen Sprache war es, die allen Nationen, welche die Bukowina bewohnten, einen Zugang zum Wissen und zu Weltkulturwerten gewährleistete. Könnte denn z. B. der Ukrainer Jurij Fedkowicz seine Gedichte verfassen, von denen mehrere nach Goethes und Schillers Balladenmotiven geschrieben, oder seine dramatischen Werke, unter denen Variationen mancher damals populären deutschen Dramen (Raupach u.a.) vorhanden sind, ohne Kenntnisse der deutschen Sprache – geschweige denn, dass seine sämtliche frühe Lyrik sowie das bekannte „Dowbusch“-Drama zuerst auf deutsch entstanden und erst viel später ins Ukrainische übersetzt wurden?

Die Rolle eines Stabilisierungs- und Integrationsfaktors erfüllte in der Bukowina auch die griechisch-orthodoxe Kirche, da sie zwei der größten ethnischen Gruppen der Bukowina – Ukrainer und Rumänen – verband. Die Gemeinsamkeit der Konfession, des Kirchenritus, Sitten und Gebräuche trug der Herausbildung eines toleranten zwischennationalen und psychologischen Klimas bei, indem sie verschiedensprachige Völker näher brachte. Doch unterhielt man traditionsgemäß in der Bukowina auch ein ausgewogenes Verhältnis zu den anderen Konfessionen. Ein gutes Beispiel dieses loyalen und freundschaftlichen Lebens gaben nicht selten die religiösen Führer. Weit bekannt war in der Bukowina das symbolische „Kleeblatt“, das die Freundschaft der Kirchenfürsten von vier Bukowiner Konfessionen verkörperte. Als es während der Bauarbeiten der Metropolitenresidenz in Czernowitz der griechisch-orthodoxen Kirche an Kosten mangelte, half ihr die jüdische Gemeinde, indem sie ihr 800.000 Goldkronen übergab. Als Dank für diese Anleihe wurde eine der Kuppel des Metripolitenpalastes mit einem Kranz von Davidsternen geschmückt. Und während des I. Weltkrieges rettete der griechisch-orthodoxe Metropolit die Thorarollen aus dem jüdischen Tempel, indem er sie bei sich vor den russischen Pogromen versteckte*. Eine ausdrucksvolle Verkörperung freundschaftlicher Beziehungen religiöser Fürsten bildete z. B. das allmonatliche Tarokspiel in der erzbischöflichen Residenz, zu der der Metropolit Eugen Hackmann einlud. Seine Partner am Kartentisch waren der römisch-katholische Prälat Kunz, der evangelische Pastor Fronius, der Oberrabbiner Dr. Igel und der griechisch-katholische Priester Kostecki (der letztere als Kiebitz). Und sogar in der Zeit der Nationalismen existierten noch Fäden der Verständigung zwischen rumänischem und ukrainischem Priestertum*.

Als übernationaler, integrierender Faktor wirkte auch die Gründung der Universität Czernowitz, die zu einem „Konsolidierungszentrum der ganzen Bukowina wurde, da man hier die nationale Elite ausbildete“*. An der Universität wurden zum erstenmal die Lehrstühle für Ukrainisch und für Rumänisch eröffnet. Von der Buntheit des Studentenlebens zeugen zahlreiche Studentenverbindungen und Korporationen, die ein ausdrücklich nationales Gesicht hatten (die deutschen „Arminia“, „Teutonia“, „Frankonia“, die rumänischen „Arboroasa“, „Junimea“, „Dacia“, die polnischen „Ognisko“, „Lechia“, die jüdischen „Hasmonäa“, „Hebronia“, „Heatid“, die ukrainischen „Sojuz“, „Sitsch“, „Tschornomore“, „Zaporože“ u.a.). Doch nicht minder einflussreich war hier auch die Neigung zur Intergration der kulturellen Leistungen im europäischen Geist. Dieses weitgehende Programm des kulturellen Ökumenismus deklarierte in seiner Rede im Wiener Parlament der erste Rektor der Universität Dr. Konstantin Tomaščuk: „Deutsche Wissenschaft hat Anspruch auf Universalität. Und nur weil die deutsche Bildung eine universelle Bedeutung hat, streben auch die nichtdeutschen Söhne der Bukowina die deutsche Universalität an… Wehe der Nation, die sich fürchten muss vor dem Einfluss fremder Kultur. Diese hat sich selbst das Todesurteil gesprochen“*. Die Gefahr der nationalen Abruptheit, welche die Völker der Bukowina zur Isolation vom europäischen Kulturprozess führen könnte, verstanden und bekämpften die Bukowiner Intellektuellen mit eifriger Konsequenz.

Ein wichtiger Bestandteil der Bukowiner Mentalität war auch ihr Kosmopolitismus. In diesem Zusammenhang scheint ein Zeugnis des deutschsprachigen Dichters der Bukowina Alfred Kittners höchst interessant zu sein, wenn er sich daran erinnert, wie tief ihn beeindruckt hatte, was er einmal in der Wohnung seines Schulfreundes Heinrich Goldmann sah, des späteren Feuilletonisten der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, der unter dem Pseudonym Heinrich Wassermann schrieb: „Als ich, etwa 13 Jahre alt, zum ersten Mal jene Wohnung betrat, erblickte ich voller Staunen vier Gipsköpfe, die feierlich auf dem Speisezimmerschrank thronten und sich bei näherer Betrachtung als die aus Gips gefertigten Konterfeis der Nationaldichter der vier wichtigsten die Bukowina bewohnenden Volksgruppen erwiesen: des Deutschen Friedrich Schiller, des Ukrainers Taras Schewtschenko, des Polen Adam Mickiewicz und des Rumänen Mihai Eminescu, woraus sich ersehen lässt, dass das Schrifttum in dеr Bukowina keineswegs auf einen deutschen Beitrag beschränkt blieb, sondern sich, wie bereits gesagt, in diesem Schmelztiegel der Nationen im Wettstreit mit anderssprachigen Literaturen entwickelte, wie auch, dass das lebendige Interesse an der Literatur bis in die Kleinbürgerstuben drang und Bestand ihres Alltags bildete, denn der Besitzer dieser stolzen Gipsköpfe war keineswegs ein Intellektueller, sondern ein schlichter Speisewirt, Inhaber einer vegetarischen Küche"*.

Die Verkünder des kosmopolitischen Geistes der Bukowiner Kultur in der österreichischen Zeit waren die deutschsprachigen Dichter des Landes. Ich meine hier Ernst Rudolf Neubauer, Ludwig Adolf Simiginowicz-Staufe, Johann Obrist, Viktor Umlauff, Karl Emil Franzos u.a., welche zahlreiche Muster ukrainischer und rumänischer Folklore sammelten, Übersetzungen ukrainischer, rumänischer, ungarischer Dichter publizierten, und im eigenständigen Werk zur ukrainischen (Franzos: „Ein Kampf ums Recht“), rumänischen (Umlauff: „Die Schlacht von Codrul Cosminului“) oder jüdischen Thematik neigten (Franzos: „Die Juden von Barnow“, „Der Pojaz“). Manche Bukowiner Dichter waren zwei- oder sogar dreisprachig (Simiginowicz-Staufe, Worobkiewicz). Als deutsche Autoren begannen ihren Weg in der Literatur der bereits erwähnte Jurij Fedkowicz u. a. ukrainische Schriftsteller – Osyp Makowej, Olga Kobylanska, deutsch schrieben ethnische Rumänen Ionel Kalinczuk, die Brüder Theodor und Janko Lupul.

Korrespondenz verschiedener nationaler Kulturen sieht man in der Bukowina – obwohl vielleicht nicht mehr so intensiv, wie früher, – auch in der Zwischenkriegs- und Nachkriegskriegszeit. Auf den Studentenbällen im Deutschen Haus, die regelmäßig von den deutschen studentischen Verbindungen veranstaltet wurden, konnte man die Vertreter aller Völkerschaften der Bukowina treffen*. Als in den 20-er Jahren die berühmte jiddische Vilnaer Truppe zu Gastspielen nach Czernowitz kam, so fanden die Aufführungen auf der Bühne des Deutschen Hauses statt, das mit Fresken dekoriert war, auf denen goldhaarige Helden der germanischen Mythologie dargestellt waren. Und umgekehrt, glänzende Predigten des evangelischen Pastors, des späteren Bischofs Dr. Viktor Glondys, zogen stets in die evangelische Kirche die jüdischen Intellektuellen an, die für ihn das beste und verständnisvollste Publikum waren*. Die alten Czernowitzer erinnern sich noch heute an den begabten Laienschauspieler Vasyl Čiupka, der mit gleichem Erfolg in den Aufführungen in deutscher, rumänischer und ukrainischer Sprache spielte*. Der deutschsprachige Dichter Arthur Bosch, ein leidenschaftlicher Anhänger der Annäherung verschiedener Kulturen, veröffentlichte enthusiastisch in den Czernowitzer Zeitschriften und Almanachen („Der Nerv“, „Buchenblätter“) die Übertragungen der Gedichte des Ukrainers T.Schewtschenko und des Rumänen M.Eminescu. „Wir waren viele in einem und kamen prächtig miteinander aus […] Die gelegentlichen kleinen Differenzen um einen Grenzstein und die größeren um die Frage, wie weit einst die Rumänen saßen und von wo ab es die Ruthenen waren, die Platz genommen hatten, besaß mehr wissenschaftlichen Charakter. Man publizierte seine Ansicht, suchte in den Chroniken die beweisenden Textstellen und bekam dann auf Grund anderer Unterlagen den Widerspruch zu hören, aber „brate“ und „frate“ unterschied nur ein Buch(en)stabe!“ – erinnerte sich Georg Drozdowski*.

Diese Korrespondenzen finden ihren Ausdruck in der sprachlichen Interferenz – im Hineindringen in die Werke deutschsprachiger Autoren ukrainischer, rumänischer, polnischer oder jiddischen Wörter, morphologischer und syntaktischer Formen usw. Das sieht man in den humorvollen Erzählungen und Possen von Franz Porubsky, in „Kulturbildern“ von Conrad Pekelmann, in satirischen und parodistischen Skizzen von Otto Seidmann, in den Gedichten und Prosa von Georg Drozdowski (insbesondere in seinem Erinnerungsbuch „Damals in Czernowitz und rundum“), in „Maghrebinischen Geschichten“ oder in „Ein Hermelin in Tschernopol“ von Gregor von Rezzori, in den Gedichten von Rose Ausländer, Alfred Gong, Paul Celan u.a. G. von Rezzori stellte diese Erscheinung anhand der poetischen Sprache des Letzteren fest: „…was die Sprache betrifft, so kommt ein Teil ihrer Schönheit daher, dass sie zu einem gewissen Maße gejiddelt ist. Das sind Spracheinflüsse, die kein Bückenbürger, oder Münsterländer imstande ist zu hören, die aber unsereins hört. Und man muss sich darüber im klaren sein, welche Bereicherung die Juden auch darin waren, wenn Sie wollen im Houston Chamberlainischen Sinn: ein Ferment der Dekomposition in bester Weise, selbst in so sublimen Dingen wie im Sprachlichen. Auch ihre syntaktische Behandlung von deutschen Sätzen ist klarer, die Juden sind fast so präzise wie Lateiner“*.

Ein anderes Beispiel dieser Art sind deutsche syntaktische Konstruktionen in den ukrainischen Prosawerken von Olga Kobylanska, die sogar in den späten Erzählungen der Schriftstellerin vorhanden sind, so z.B. im Roman „Der Pöbelapostel“ (1926). Nicht selten werden auch fremdsprachige Realien, Begriffe, Gattungsformen eingeführt (z. B. in den Gedichten Alfred Margul-Sperbers „Ukrainische Steppe“, Georg Drozdowskis „Huzulischer Frühling“, Klara Blums „Hungerdoine“, Alfred Kittners „Podoliens Erde“, Immanuel Weißglas’ „Trepak“, „Ukrainisches Lied“, Alfred Gongs „Haidukenballaden“, „Rumänische Rhapsodie“, Paul Celans „Schibboleth“, „Hawdalah“ u.a.). Die übersetzerische Dimension der Bukowiner Autoren reicht von der afro-amerikanischen Lyrik (Anna Nussbaums Anthologie „Afrika singt“, 1929) bis zu chinesischen und japanischen Dichtern (Klara Blum, Alfred Margul-Sperber). Besonders intensiv und eindrucksvoll war die übersetzerische Tätigkeit von Dmytro Zahul (4 Bände Heine-Übertragungen), Joseph Kalmer (Anthologie „Europäische Lyrik der Gegenwart“ 1900-1925, die Gedichte von 33 Dichtern aus der ganzen Welt vorstellte), Paul Celan, der musterhafte Nachdichtungen von über 40 Autoren aus sieben Sprachen hinterließ, was vor einigen Jahren die Ausstellung „Fremde Nähe: Celan als Übersetzer“ bekundete, die mit großem Erfolg in vielen europäischen Städten gezeigt wurde. Und das ist nur der Gipfel des Eisbergs. Im allgemeinen stellt die Geschichte der literarischen Übersetzung in der Bukowina ein spezielles Problem dar, welches auf seine Forscher noch wartet.

Nicht selten wandten sich die Bukowiner Literaten verschiedener Nationalitäten den gemeinsamen Problemen, Stoffen, Motiven, Bildern zu. Das konnten Kontakteinflüße sein, die durch bewusste Nachahmungen, Umdichtungen, Parodien verursacht waren. So entlehnte z. B. J.Fedkowicz die Sage von Schipot-Birken bei E.R.Neubauer, indem er aus diesem Stoff die gleichnamige Ballade verfasste. Manchmal entstehen aber auch typologische Kongruenzen, die durch ähnliche Lebensumstände, gemeinsame existenzielle, soziale, moralische Werte erklärt werden können. So erscheint beispielsweise das Brunnenmotiv – ein unentbehrliches Element der Bukowiner Landschaft und der ganzen Lebensordnung – in der Lyrik vieler Dichter der Bukowina unabhängig voneinander. Die Bukowina-Forscher (K.Werner u.a.) unterstreichen diese bewunderungswerte, durch Jahrzehnte getragene thematische Nähe der Bukowiner Autoren sogar in der Diaspora*, als viele von ihnen schon in verschiedenen Ländern und auf verschiedenen Kontinenten verstreut waren, doch bewahrten sie in ihrem Bewusstsein und in ihren Werken die Erinnerung an die Bukowina als an ein gelobtes Land ihrer Kindheit und Jugend und als eine „Gegend, in der Menschen und Bücher lebten“ (P.Celan) und wo „viersprachig verbrüderte Lieder“ (R.Ausländer) klangen. Dieses schmerzliche, nostalgische Gefühl verband die Bukowiner Dichter im Exil, es begleitete sie durch Raum und Zeit einem Leitstern gleich.

Zu wesentlichen Faktoren des kulturellen Synkretismus in der Bukowina gehören auch gemeinsame Elemente des Wohninterieurs, der angewandten Kunst und Kleidung, sowie Sitten und Riten, Volkssagen und Lieder, sprachliche Besonderheiten u.a. „Vielseitige Interferenz und Akkulturationsprozesse, – konstatiert der polnische Wissenschaftler Kasimierz Feleschko, – bildeten in der Bukowina eine einzigartige kulturelle Legierung, die am deutlichsten in der originellen Volkskultur sowie in der Alltagssprache aller Nationalitäten ausgedrückt ist“ . Nennen wir in diesem Zusammenhang ein paar charakteristische bukowinische Wörtchen wie „Ahi!“, „No“, „Bihme!“, „Perekinczik“, „Holodnik“, „Oberluft“ oder „nebbich“, die auch ohne Übersetzung den Bukowinern verschiedener Nationalitäten verständlich waren und von deren Vieldeutigkeit G.Drozdowski in seinem Buch „Damals in Czernowitz“ so geistreich spricht*.

Das Phänomen der Bukowiner Kultur wurzelte in bestimmten historischen, politischen, soziopsychologischen Bedingungen (multinationale Bevölkerung des Landes, Verfassungsliberalismus der Habsburgermonarchie nach 1848, relative sozial-wirtschaftliche Stabilität, nationale und konfessionelle Eintracht, integrative Rolle der deutschen Sprache, die vor verschiedenen Völkerschaften der Bukowina weitere Horizonte öffnete, indem sie gleichzeitig eine kommunikative Funktion erfüllte, Schwäche und – als Folge – Ambitionslosigkeit nationaler Bewegungen, Gleichberechtigkeit der Juden sowie Offenheit und assimilatorische Tendenzen des jüdischen Kosmopolitismus u.a.). Nach dem I. Weltkrieg, als die Bukowina an Rumänien fiel und dann zum Bestrebungsobjekt von zwei grausamsten diktatorischen Regimen – des stalinistischen und deutschfaschistischen – wurde, begannen die oben genannten Bedingungen allmählich zu verfallen und mit der Zeit auch völlig zu verschwinden. Anstatt ihnen kamen dann der Chauvinismus, nationale Intoleranz und gegenseitige Missachtung, antidemokratische Regierungsformen und später – Verfolgungen nach Rassenmerkmalen, Ignorieren der humanistischen und moralischen Werte usw. Dies alles führte zur Verarmung der ethnischen Palette des Landes, zum nationalen Gegenüberstehen, zur jähen Absonderung und Isolierung der nationalen Kulturen, zu gegenseitigem Misstrauen, Überheblichkeit und anderen negativen Erscheinungen, die bis heute noch nicht ganz überwunden sind. Doch darf das Phänomen der Bukowiner Kultur, das etwa von der Mitte des 19. bis zu den 30-er Jahren des 20.Jahrhunderts existierte, unter den Trümmern der geschichtlichen Tragödien und Katastrophen nicht begraben werden, da es zu den positivsten Erfahrungen der Menschheit gehört. „In Czernowitz, – hob in seinem Buch „Idee Europa“ das einstige Mitglied des Europäischen Parlaments Otto von Habsburg hervor, – gab es die Synthese zwischen nationalem Verständnis und einer höheren, man möchte sagen, europäischen Einstellung. Hier wurde in einem gemischtnationalen Raum bewiesen, dass die Völker im Geiste einer gemeinsamen Kultur Gewaltiges leisten können, dass es möglich ist, verschiedene Sprach- und Glaubensgemeinschaften friedlich und im Dienste an eine große, gemeinsame Idee zusammenzuführen“*.

Angesichts der heutigen Bestrebungen um ein vereintes Europa haben diese Worte an ihrer Aktualität nichts verloren.

Anmerkungen

Franzos, Karl Emil. Zwischen Dniester und Bistrizza. – In: Franzos, Aus Halbasien: Culturbilder aus Galizien, der Bukowina, Südrußland und Rumänien. – 2 Bde., Stuttgart: Bonz3, 1888-1889, Bd.2, S.297-326, hier: S.323.

Буковина: Історичний нарис / Відповідальний редактор В.М.Ботушанський. – Чернівці: Зелена Буковина, 1998, С.82.

Skitschak, Manfred. Da zirpten die Kiesel im Pruth: Die Bukowina, eine alte europäische Region, wird besichtigt. – In: Süddeutsche Zeitung, Nr.54 vom 5.3.1992.

Drozdowski, Georg. Damals in Czernowitz und rundum: Erinnerungen eines Altösterreichers. – Klagenfurt: Verlag der KLEINEN ZEITUNG, 1984, S.20-24.

Turczynski, Emanuel. Die Universität Czernowitz. – In: Lang Franz (Hrsg.) Buchenland: Hundertfünfzig Jahre Deutschtum in der Bukowina. – München: Südostdeutsches Kulturwerk, 1961, S.334.

Волков, Анатолій. Гетерогенність культури на Буковині: Доповідь, виголошена на Міжнародній конференції „Наука і культура між слов’янським і німецькомовним світами як чинник оновлення Східної та Південно-Східної Європи. Пам’яті Дмитра Чижевського“. – Київ, 25-29.5.1995.

Трубенко, Леся, Онищенко Геннадий. „Маленькая Вена“ Северной Буковины // День.- № 79, 30.4.1999.

Franzos, Aus Halbasien (wie Anm. 1).

Kohrt, Wolfgang. Letzte Auffahrt Asien: Spurensuche in einer alten europäischen Kulturstadt – Czernowitz in der Bukowina. – In: Berliner Zeitung, Nr.7 vom 9/10. Januar 1999, S.1-2.

Вагнер, Рудольф. „Франціско-Йозефіна“ – заклад германізації? // Матеріали ІІІ Міжнародної історико-краєзнавчої наукової конференції. – Чернівці: Рута, 1995, С.204.

Фелешко, Казімєж. „Буковина – мініатюрна Європа“. Легенди, методи, дійсність // Матеріали ІІІ Міжнародної історико-краєзнавчої наукової конференції. – Чернівці: Рута, 1995, С.182.

Котціан, Ортфрід. Значення університету для „Чернівецького міфу“ // Матеріали ІІІ Міжнародної історико-краєзнавчої наукової конференції. – Чернівці: Рута, 1995, S.196.

Wagner, Rudolf (Hrsg.) Alma mater Francisco Josefina: Die deutschsprachige Nationalitäten-Universität in Czernowitz. Festschrift zum 100.Jahrestag ihrer Eröffnung 1875.– München: Verlag Hans Menschendörfer, 1979, S.29.

Kittner, Alfred. Spätentdeckung einer Literaturlandschaft: Die deutsche Literatur der Bukowina. – In: Solms Wilhelm (Hrsg.) Nachruf auf die rumäniendeutsche Literatur. – Marburg: Hitzenroth, 1990, S.185.

Zuckermann, Rosa „Was ich unbedingt betonen möchte, ist, daß wir Zionisten waren“ – In: “Czernowitz is gewen an alte jidische Schtot…“: Überlebende berichten. – Černivci: Molodyj Bukowynec, 1998, S.90.

Drozdowski, Georg. Damals in Czernowitz und rundum, S.37.

Drozdowski, Georg. Zur Geschichte des Theaters in der Bukowina. – In: Buchenland: Hundertfünfzig Jahre Deutschtum in der Bukowina / Hg. von Franz Lang.– München: Verlag des Südostdeuteschen Kulturwerks,1961, S.469.

Drozdowski, Georg. Damals in Czernowitz und rundum, S.20.

Die Syntax der deutschen Seele: Ein Gespräch mit Gregor von Rezzori. – In: Halbasien: Zeitschrift für deutsche Literatur und Kultur Südosteuropas. – München 1992. – Nr.1, S.15.

Werner, Klaus. Vorwort. – In: Fäden ins Nichts gespannt: Deutschsprachige Dichtung aus der Bukowina / Hrsg. von Klaus Werner. – Leipzig: Insel Verlag, 1991, S.10.

Фелешко, Казімєж. „Буковина – мініатюрна Європа“: Легенди, методи, дійсність // Матеріали ІІІ Міжнародної історико-краєзнавчої наукової конференції, присвяченої 120-річчю заснування Чернівецького університету. – Чернівці: Рута, 1995, С.185-186.

Drozdowski, Georg. Damals in Czernowitz und rundum, S.69-77.

Habsburg, Otto von. Idee Europa: Angebot der Freiheit. – München-Wien: Herold, 1977, S.52.

© Bukowina Zentrum 2006-2010 | entwickelt von SmartSolutions Web Services